Impressionen

Die Glocke ertönt, der Kampf beginnt...

Taping mit Trainer Achim Böhme MBC Ludwigsburg
Taping mit Trainer Achim Böhme MBC Ludwigsburg

...Ich bin hellwach, die Gedanken die zuvor in meinen Kopf Achterbahn gefahren sind, plötzlich verschwunden. Für den Zuschauer beginnt der eigentliche Kampf. Für mich ist die Glocke eine Erlösung, denn der Kampf gegen unangenehme Gedanken, Zweifel und Ängste ist vorbei.

  


Ab dem ersten Schlagabtausch ist alles was mich als Kämpfer vorher beschäftigt hat hinfällig. Was zählt ist der Moment. Die Wahrnehmung gebührt dem Akteur vor mir. Mit der steigenden Zahl meiner Kämpfe habe ich gelernt auch die Stimme des Trainers aufzunehmen und zu befolgen. Den Tunnelblick wie ich ihn bei meinen ersten Kämpfen erlebt habe löst sich allmählich auf.

 

Ich bin hellwach, konzentriert und doch ruhig. Von Angst und Zweifel keine Spur mehr. 

 

Ich versuche gleich ab meiner ersten Aktion den Kampf zu dirigieren.  Ich benutze meine Führhand um die Distanz zum Gegner zu halten und eine Schlag- und Trittkombination vorzubereiten. Wie wird mein Gegner darauf reagieren. Er schlägt sofort zurück und geht nach vorne.

Sofort ist klar, der Gegner will es wissen. Er ist offensiv und aggressiv. Seine Schläge sind hart, treffen jedoch nur die Deckung. Zumindest empfinde ich es so. Das Publikum brüllt. Es scheint wohl anders ausgesehen zu haben wie es bei mir angekommen ist.

 

Mein Instinkt sagt mir was zu tun ist. Ich setze sofort mit einer Kombination aus Führhand, Schlaghand und Halbkreistritt nach. Der Tritt mit blankem Schienbein auf seine Unterarme schmerzt, auch wenn er es sich nicht ansehen lässt. Entweder das Adrenalin blockiert den Schmerz oder er zeigt sein geübtes Poker Face. Es spielt keine Rolle, es werden sowieso noch viele Tritte und Schläge folgen.

 

Die erste Runde ist zur Hälfte um. Mein Impuls nach einem offensiv geführten Kampf lässt nach. Zu aggressiv und zu ungestüm kämpft mein Gegner. Er will den Kampf wohl nicht durch Punkte gewinnen. Ich entscheide mich auf Distanz zu gehen und den Kampf im Rückwärtsgang weiter zu führen. Die Taktik geht auf, der Gong beendet die erste Runde, ich habe ein gutes Gefühl als ich in die Ringecke zurückgehe.

 

Anscheinend habe ich die erste Runde abgegeben. Mein Trainerteam ist besorgt. Ich muss aktiver kämpfen. Wie so oft habe ich den Kampf anders war genommen. Ich soll die Taktik ändern und habe noch vier Runden vor mir. Noch 1 Minute Pause höre ich meinen Co Trainer sagen. Meine Atmung wird wieder etwas ruhiger und ich kann wieder meine Gedanken steuern.  Die erste Runde war zum abtasten gedacht jetzt muss ich mehr geben. Ich bin bereit, der Ringrichter winkt uns zurück in die Ringmitte. Runde zwei beginnt.

 

Ich eröffne die Runde mit einer harten Kombination aus doppelter Führhand und einem satten Lowkick. Mein Gegner will antworten ich reagiere aber gezielt mit einem Frontkick. Ich habe mir vorgenommen sofort zu kontern, ihm keine Möglichkeit zur Entfaltung zu geben. Bis zur Hälfte der Runde scheint es mir zu gelingen doch ich ermüde. Mein Gegner wird stärker. Noch 30 Sekunden schreit mein Co Trainer. Das ist mein Signal um die Runde dingfest zu machen. Ich mache wieder Druck und dominiere die Runde deutlich bis zum Gong.

 

Meine Atmung ist hektisch, mein Puls bei gefühlten 200 Schlägen. Ich habe mich verausgabt, aber meine Ecke ist zufrieden. Die Runde ging an mich. Mein Schienbein ist angeschwollen, ich spüre keinen Schmerz. Jedoch weis ich, dass ab jetzt der Kampf gegen den inneren Schweinehund begonnen hat. Denn alles was jetzt kommt ist ein Kampf gegen die eigenen konditionellen Schwächen und gegen die Willensstärke meines Gegners.

 

Die Dritte Runde beginnt ähnlich der zweiten mit dem Unterschied, dass mein Gegner von Anfang an dagegen hält. Er will den Fehler der zweiten Runde wieder gut machen. Die Würfel sind neu gefallen, keiner von uns Kontrahenten will dem Anderen die Führung des Kampfes übergeben. Das Publikum brüllt, es bekommt genau das zu sehen wonach es verlangt. Die Schläge und Tritte sind hart. Meine Deckung sinkt da meine Arme schwächer werden und die Konzentration auf Kosten der Dynamik ebenfalls sinkt. Mich trifft der erste Wirkungsschlag. Mein Gegner erwischt mich mit einem Frontkick an der Kinnspitze. Ich spüre keinen Schmerz und doch wird es kurz schwarz vor meinen Augen. Gerade habe ich noch Lichtblitze wahrgenommen, da stelle ich fest, dass ich bereits auf dem Boden liege. Ich schaue in meine Ringecke und sehe mein Team brüllen, anscheinend hat keiner mitbekommen, dass ich gerade das Bewusstsein verloren habe. Auch der Ringrichter winkt mich nur nach oben. Ich rappe mich auf und kämpfe einfach weiter. Der Niederschlag hat mich seltsamer weise nicht beeindruckt. Im Gegenteil bin ich angesäuert und möchte meinen Gegner dafür bestrafen. Der Tritt hat mich wach gerüttelt. Ich gehe aggressiv vor bis der Gong ertönt, erst jetzt spüre ich die Erschöpfung.

 

Europameisterschaftskampf gegen Jan Kronschnabel
Europameisterschaftskampf gegen Jan Kronschnabel

Die Stimmung ist sehr aufgeheizt. Das Publikum steht hinter ihrem Lokalmatador. Die Runde war sehr knapp, mein Team sieht mich jedoch vorne. Mein Atem rast, doch ich spüre ihn nicht, da das Adrenalin jetzt meinen ganzen Körper beherrscht. Die dritte Rundenpause vergeht wie im Flug. Die Anweisungen meines Teams sind nun weniger taktisch aber emotionaler. Die Vierte Runde beginnt.

 

Meine Entschlossenheit der Dritten Runde fehlt plötzlich in der Vierten. Meine Aktionen werden weniger. Aber die meines Gegners auch. Wir sind ganz offensichtlich müde geworden. Seine Aktionen kommen gezwungen, angetrieben durch seine Ecke. Ihm muss es bei meinen Aktionen ähnlich ergehen. Doch ich erkenne die offenen Körperstellen. Aus einer Kombination heraus trifft ihn ein gezielter Halbkreiskick auf seine Leber. Ein, zwei Sekunden zeigt er keine Reaktion bis sich sein Gesicht  zu einer schmerzverzerrten Fratze verzieht. Der Schmerz kam im Gehirn zeitverzögert an. Mein Glück, ich werde vom Ringrichter in die neutrale Ecke befohlen. Dort beobachte ich keuchend die Situation. Mein Gegner stützt sich kniend auf dem Boden. Der Ringrichter zählt bis 8, währenddessen tobt mein Team. Alles oder nichts! Der Kampf wird wieder frei gegeben, ich setze nach, versuche seine bereits beleidigte Leber weiter zu bearbeiten. Der Kampf wird unterbrochen, die Runde ist beendet.  

 

Ich hänge in den Seilen, mein Team scheint nervöser zu sein als ich. Mir verlangt es nur nach Sauerstoff und Wasser. Ich zwinge mir ein paar Worte heraus und bekomme einen Schluck Wasser, einen übers Gesicht und einen in die Hose. Das Wasser kühlt und erfrischt. Meine Schienbeine bluten, langsam spüre ich den Schmerz. Mein Trainer schaut mir tief in die Augen. Jetzt kommt es darauf an wer in mir steckt! Er deutet auf meine thailändischen Tattoos die mir im Ring die nötige Kraft geben sollen. Der Hinweis wirkt. Ich bin entschlossen den Kampf zu gewinnen, auch wenn ich mich klinisch bereits tot fühle.

 

Ein letztes Mal winkt der Ringrichter uns in die Ringmitte. Mein Gegner und ich bekunden uns Respekt indem wir die Köpfe und Fäuste aneinander pressen. Dann fallen wieder seine Fäuste auf meine Deckung. Die Schläge sind schwächer geworden, vor deren Wirkung habe ich keine Bedenken mehr. Seine Kicks bleiben weiterhin gefährlich, da er aus nächster Nähe zum Kopf kicken kann. Jetzt zählen Punkte. Ich versuche jede seiner Aktionen zu beantworten. Wir landen jetzt häufiger im Clinch als noch in den vorigen Runden. Dabei ziehe ich immer wieder das Knie zur Leber in der Hoffnung er bricht ein. Der Kampf wird unterbrochen. Ein Cut über meinem linken Auge blutet. Der Ringarzt untersucht die Wunde. Ich verspüre Gleichgültigkeit darüber, falls der Kampf abgebrochen werden müsste. Meine Akkus sind leer. Aber der Kampf wird frei gegeben. Meine Entschlossenheit ist gewichen. Ich funktioniere nur noch und schlage aus dem Unterbewusstsein nach meinem Gegner. Ich laufe Gefahr meinen Kampfwillen zu verlieren und den Sieg meinem Gegner zu schenken. Genau dieser Gedanke rüttelt mich wach! Plötzlich werde ich mir wieder bewusst warum ich Kämpfen gehe. Seit meiner Kindheit strebe ich danach bewundert zu werden und einmal der Beste gewesen zu sein. Jetzt ist der Moment und ich verschenke ihn weil ich müde bin? Die Erkenntnis setzt in mir neue Kräfte frei, womit ich nicht gerechnet hätte. Ich höre den Hammerschlag, der die letzten 10 Sekunden ankündigt und weis ich habe den Kampf gewonnen. Eine letzte Kombination verschmilzt mit dem Gong der den Kampf beendet. Aus Freude strecke ich beide Arme. Aber vor allem weil ich mich lebendig fühle. Denn Kämpfen bedeutet am Leben zu sein. 

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Kommentare: 1
  • #1

    Mate Eres (Freitag, 21 Oktober 2016 17:10)

    Hallo lieber Marcus ! Habe gerade deinen Bericht gelesen -und war live dabei. Super beschrieben! Ganz toller Bericht ! Vermisse das Training mit dir - Lg aus stuttgart Mate