Thailand

3 Monate Siam; ein Erfahrungsbericht

Es war das Jahr als der schreckliche Tsunami über Südostasien einbrach und mehr als 230 000 Menschen das Leben kostete. 

Als ich mich entschied nach Thailand zu reisen, war dieses schreckliche Ereignis noch nicht geschehen. Aber in meiner geistigen Welt wütete bereits ein wilder Tsunami, der eine heillose Unordnung hinterlassen hatte. 

Bild mit Chinarad Ko Phagnan
Bild mit Chinarad Ko Phagnan

Ich brauchte Klarheit, ein Neues Ziel und vor allem Selbsterkenntnis. Meine unliebsame Ausbildung lag bereits 2 Jahre hinter mir und ich war noch keinen Deut schlauer was ich mit mir anstellen sollte. Ich jobbte bei DaimlerChrysler und sparte auf meine große Reise. Da ich durch Bücher von Carlos Castaneda inspiriert war, standen Süd Amerika sowie der Pilgerweg des heiligen Jakobus zur Auswahl. Letztendlich entschied ich mich für Thailand, denn ich identifizierte mich bereits stark mit diesem Sport der später zu meiner beruflichen Orientierung beisteuern sollte. Im März war es dann soweit. In Frankfurt verließ ich deutschen Boden über Dubai nach Bangkok. Meine ersten Eindrücke von Bangkok sind unbeschreiblich. Ich hatte einen richtigen Kulturschock. Die Stadt war heiß, schwül, stinkend und laut. Die Eindrücke waren überwältigend. Aber es gefiel mir. Diese Stadt schlief nie, immer war etwas los. Wenn einem um 3 Uhr nachts danach gewesen ist etwas essen zu gehen, dann ging man auf die Straße zur nächsten Garküche und besorgte sich Fleischspieße, eine scharfe Nudelsuppe, oder einen gegrillten Katzenfisch mit Chili Dipp. Ein Thailänder aus Bremen, den ich auf dem Flug kennen lernen durfte, organisierte mir einen Aufenthalt im WPT Gym von Master Pimu. Das Gym liegt irgendwo im Randbezirk von Bangkok, weit weg vom Touristenzentrum. Hier gab es keine Europäer bis auf mich und Malte. Ebenfalls ein Thaiboxer der mit den selben Ambitionen wie ich den Flieger bestiegen hatte. Das Taxi brachte uns noch in Begleitung unseres thailändischen Freundes bis vor die Gittertore des Gyms. Von innen bellten die Wachhunde bedrohlich. Der Taxifahrer nahm sein Geld entgegen und verabschiedete sich grinsend mit den Worten "Chok Dee" Viel Glück.    


WPT Gym Master Pimu
WPT Gym Master Pimu

Man hatte uns nicht erwartet, die jungen Kämpfer die uns das Tor öffneten wussten nichts von dem ungewöhnlichen Besuch. Master Pimu war nicht anwesend und wann er zurück kommt wusste auch niemand. Später stellte ich heraus, dass Ortsangaben oder Zeitangaben wie Heute, Jetzt, Später oder Nachher sehr dehnbare Begriffe in Thailand sind. 

Man zeigte uns unser Zimmer das wir miteinander teilen durften. Es war für thailändische Verhältnisse entsprechend exklusiv. Dh. wir mussten nicht mit den anderen Kämpfern auf einer Strohmatte in Reih und Glied schlafen. Aber dafür bezahlten wir schließlich auch. An diesem Tag durften wir bereits unsere Kick & Box Fähigkeiten unter Beweis stellen. Ich hatte bereits meine ersten Newcomer Kämpfe bestritten und glaubte naiver Weise mit meinen Kombinationen Eindruck schinden zu können. Bereits bei meinem ersten Halbkreiskick wurde ich von Master Pimu kritisiert. Ich wusste nicht, dass ich von diesem Moment an die nächsten zwei Wochen kaum etwas anderes machen würde als meinen linken Halbkreiskick zu trainieren. Abends erhielten wir ungenießbares Westleressen, zumindest das was sich Thais unter westlichem Essen vorstellen. Eine Mischung aus Baken Beans mit Reis ertränkt in einer Art Majonäse. Wir gingen früh zu Bett und schauten uns Thaiboxkämpfe im Fernsehen an, welche dort ausgestrahlt werden wie bei uns Bundesligaspiele. Am nächsten Morgen weckte uns unser junger Trainer "Thai" pünktlich um 05:30 zum Lauf durch den völlig versmogten Arbeitsverkehr Bangkoks. Ich tat mir unheimlich schwer, da ich bereits von unserem ersten Trainingstag Blasen an den Füßen bekommen hatte. Wir trainierten Barfuß auf dem Steinboden, oder auf Teppichen wenn wir nicht zum Pratzentraining im Ring stehen durften. Jedoch war es jeden Tag ein kleines Erlebnis, wenn uns die Leute zuwinkten oder lauthals erstaunt "Farang Muay Thai Good" riefen. Farang ist ein Ausdruck für Westler. Es ist nicht ganz eindeutig woher der Name begründet ist. Fakt ist, dass Farangs mit Geld assoziiert werden und eine besondere Stellung in Thailand genießen oder erdulden müssen. Somit bekommt man als Farang immer den besten Platz, dafür aber 10 Mal teuer als der reguläre Preis. Eingänge zu Boxveranstaltungen können durchaus mit Farang gekennzeichnet sein und kosten auch das 10 fache Eintrittsgeld. Jedenfalls kann man sich kaum dagegen wehren, wenn man die Sprache nicht versteht und die Schrift nicht lesen kann. 

 

Das Besondere an unserem Aufenthalt im WPT Gym war, dass wir gleich behandelt wurden wie einheimischen Kämpfer im Gym. Es brauchte etwas bis sie sich an uns gewöhnten, aber wir fühlten uns akzeptiert. Der Tag begann auch für uns um 05:30 am Morgen und endete in völliger Erschöpfung abends um 21 Uhr im Bett. Mich beeindruckte das spartanische Leben welches die Kämpfer im Gym führten. Der Tagesrhythmus ist einfach und straff strukturiert. Früh aufstehen, Laufen, Trainieren, Essen, Ruhen, Laufen, Trainieren, Essen, Schlafen und am nächsten Tag beginnt das selbe Programm von Neuem. 

 

Nachdem ich meinen Kulturschock überwunden und kein Heimweh mehr verspürte, war mein Kopf völlig klar. Mir genügte das was ich hier tat. Frei von Bedürfnissen die über Essen & Trinken und Trainieren hinaus gingen. Es gab einen kleinen Fernseher bei dem man sich nach dem Training zum gemeinschaftlichen Boxen schauen versammelte. Ich fühlte mich absolut zufrieden und ausgeglichen. Das harte Training, die Gemeinschaft und das ganze unter diesem mir noch fremden Himmel. Ich begriff allmählich was es bedeutete ein Nak Muay (Thaiboxer) zu sein.

In diesen 3 Monaten wechselte ich noch in ein weiteres Gym. Die Bedingungen waren die gleichen. Die Trainingsmethoden in den Gyms ähneln sich bis auf wenige kleine Unterschiede. Die Kämpfer in Thailand führen ein hartes Leben. Die tägliche körperliche Belastung ist enorm. Ebenso bemerkenswert ist die physische und mentale Stärke der Kämpfer. Ich habe nirgends zuvor einen vergleichbaren Lebensstil beobachten können. Ihr Leben ist auf Kämpfen ausgerichtet und mit vielen Entbehrungen verbunden und doch hat dieser Lebensstil sinnstiftende und erfüllende Eigenschaften die ich erfahren durfte. Beeindruckend waren auch die  Umgangsformen welche die Kämpfer untereinander pflegten. Es war selbstverständlich, dass man sich gegenseitig nach dem Training mit Thaiöl die Verhärtungen aus den Schenkel- Waden- oder Rückenmuskeln massiert. Undenkbar in unserer homophoben Gesellschaft.

 

In dem Gym wurde ich mir allmählich bewusst, dass ich diese Lebensart adaptieren wollte und nach Deutschland importieren. Ich erkannte, dass mir dieser Weg evtl. über ein sozialpädagogisches Studium ermöglicht werden konnte. Hier legte ich den Grundstein für meine spätere Arbeit. Ich krempelte mein Leben um, hörte auf mit Rauchen und trank weniger Alkohol.  Ich trainierte fortan 5-6 mal die Woche und verlor innerhalb der 3 Monate 15 Kg an Körpergewicht. Mit 93 Kg stand ich in Thailand noch auf der Waage. Zurück in Deutschland hatte ich 78 Kg Kampfgewicht und fühlte mich wie neu geboren. 

 

links mit 95 Kg im WPT Gym Master Pimu, rechts mit 78 Kg Bavaria Cup 2005
links mit 95 Kg im WPT Gym Master Pimu, rechts mit 78 Kg Bavaria Cup 2005

Rückblickend waren diese  3 Monate lebensverändernd. Ich studierte soziale Arbeit und startete Kampfsportprojekte mit Jugendlichen und gab meine Erfahrungen und Werte weiter.  Ich setzte sportliche Ziele und wurde 2013 Europameister im K1 Boxen. Mein größter Gewinn ist sicherlich meine persönliche Reife und mentale Stärke die ich durch die Erlebnisse in Thailand und fortan als Kämpfer entwickelt habe.   

Auch wenn ich heute nicht mehr aktiv an Boxkämpfen teilnehme und mich als Trainer auf die Vermittlung der Kampfkunst konzentriere, profitiere ich nach wie vor von meiner inneren Haltung und Kämpfer Attitüde. Ich bin davon überzeugt, dass diese Einstellung für jeden erlernbar und für jede Lebenssituation einsetzbar ist. Über das Training in der Kick & Box Meisterei hat jeder die Möglichkeit sein Kämpferherz kennen zu lernen, an Zähigkeit und Durchsetzungsvermögen dazu zu gewinnen.

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